Aus allgemeinem Interesse verfolge ich gelegentlich, was sich an der Jobbörse bei Designerdock oder dasauge so tut. Und immer wieder finden sich dort Stellenanzeigen, bei denen ich mich frage, ob sie völlig aus der Zeit gefallen sind, oder ob so womöglich die Zukunft unserer Branche aussieht. Diese Stellenbeschreibungen lesen sich in etwa so:

Junior Art Director gesucht:

Sie haben eine abgeschlossene Berufsausbildung, mindestens drei Jahre Berufserfahrung, sind absolut fit in den Programmen der Adobe Creative Cloud, beherrschen die Themen Reinzeichnung und Druckdatenerstellung sicher, kennen sich in den Office Programmen genau so aus wie in Dreamweaver und Co., arbeiten sorgfältig und strukturiert und sind offen für Herausforderungen [Vulgo: Unbezahlte Überstunden ohne Ausgleich bei bestenfalls mittelprächtigem Gehalt].

Ihre Aufgabe umfasst den gesamten Projektablauf vom Konzept mit Freihand-Scribble über das Layout und die Reinzeichnung bis zur Produktionsüberwachung. Dabei sind Sie verantwortlich für eine Vielzahl von Aufgaben, vom Packaging über die Großfläche bis hin zu Online-Medien.

Bitte aussagekräftige Arbeitsproben an …

Abgesehen davon, dass ich es für unwahrscheinlich halte, dass ein solches Universalgenie überhaupt existiert, liest man allerorten, dass die gut ausgebildete „Generation Y“ sich absolut darüber im klaren ist, welchen Wert sie in Zeiten des Fachkräftemangels auf dem Arbeitsmarkt hat. Zudem liegen ihre Prioritäten längst nicht mehr auf Geld oder Ruhm und Ehre, sondern auf einem Leben mit hohem Freizeitwert. Wieso sollte sich also einer von ihnen auf eine solche Stelle hin bewerben?

Das äußerst lesenswerte Buch „Agiles Publishing“ sieht die Zukunft des Publizierens in einer gesunden Mischung aus Spezialisten und Generalisten, bzw. einer intelligenten Team-Zusammenstellung. Neben anderen Typen von Mitarbeitern (I-shaped, Hyphen-shaped und A-shaped Professionals) kommt einer vierten Sorte von Mitarbeitern eine besondere Rolle zu: Den so genannten „T-shaped Professionals“. Sie besitzt auf einem bestimmten Sektor tiefes Spezialwissen; dafür steht der senkrechte Strich des T. Zusätzlich verfügen diese Leute jedoch über eine breite horizontale Kenntnis, haben also Grundwissen in vielen anderen Disziplinen, das zwar nicht in die Tiefe geht (waagerechter Strich des T), jedoch als verbindendes Element fungiert. Entsprechend erstrebenswert ist es also, sein Team mit T-shaped Professionals auszustatten.

Wenn ich nun versuche, einen möglichst objektiven Blick auf mich selbst zu richten, dann darf ich feststellen, dass ich alle Kriterien für einen T-shaped Professional erfülle: Im Bereich Satz und Reinzeichnung besitze ich ein in die Tiefe gehendes Fachwissen, mit dem ich entsprechende Projekte optimal voranbringe. Gleichzeitig erlauben mir jedoch meine breite Ausbildung als Kommunikations-Designer und meine langjährige Erfahrung, mich optimal mit Kreation, Text und Kontakt zu koordinieren. Im Ergebnis führt das zu einer angenehmen und effizienten Projektpartnerschaft, die den komplexer werdenden Anforderungen der Publishing-Zukunft hervorragend gewachsen ist; wahrscheinlich deutlich besser und nachhaltiger als das gesuchte Universalgenie aus der Stellenanzeige!

 

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